Der präfrontale Cortex

Samstag, 25. Juni 2011

Sammeln Sie auch? Ich meine: Gehören Sie auch zu den Exemplaren der Spezies, die sich ins Sammeln flüchtet, »weil sie im Alltag überfordert sind«, wie Psychologen meinen, oder die sich »eine Ersatzbefriedigung zur Kompensation unerfüllter sexueller Wünsche schaffen« (Sigmund Freud)?

Also ich suche, beschaffe und archiviere systematisch Tonträger, das heiß: Ich sammle CDs und LPs. Nicht so schlimm, werden Sie sagen. Immer noch sinnvoller, als sich die Küche mit leeren Joghurtbechern zuzustellen. Oder mit Getränkedosen, Senfgläsern, gepreßten Kleeblättern aus sechs Jahrzehnten und Plastik-Schnorchelaufsätzen aus fünfzig Ländern.
Wenn man aber ausrechnet, daß sich meine Besitztümer mittlerweile auf 530000 Minuten Musik summiert haben, dann lichtet sich schnell der Sammelsinn und wird zum Wahn: Ich könnte ein Jahr lang nonstop die bisherige Sammlung durchhören.

Vor ein paar tausend Jahren war Sammeln wichtig, um genug fürs überleben in Dürreperioden zu haben, heute legen wir uns Vorräte an für Zeiten, in denen die Versorgung mit leeren Zigarettenschachteln, gebrauchten Zahnrädern oder kaputten Glühbirnen nicht mehr gesichert ist.
Im Prinzip entspringt die Sammelwut einem Schaden am Stirnlappen. Der sogenannte »präfrontale Cortex« ist auch für das Gefühlsleben zuständig, was erklärt, warum eine wohlige Wärme unseren Körper durchfließ, wenn wir wieder ein neues, in Papier gewickeltes Zuckerstückchen zu den andern 3589 in den vollgepfropften Schrank stecken.

Und wenn Sie jetzt keine Hollywood-Diva mit Ehemänner-Sammlung oder Diktator-Ehefrau mit Schuh-Tick sind -- dann sammeln Sie doch zum Beispiel Buchstaben. Mit diesem Text haben Sie bereits einen Grundstock von 1515 Buchstaben und 16 Zahlen. Und mit ihrem neuen Hobby noch mehr Freude bei der täglichen Zeitungslektüre.