Wir sind gar nicht so!

Freitag, 24. Juni 2011

Lieben Sie es, mit Ihrer Krachledernen - oder wahlweise Ihrem feschen Dirndl - am klotzigen Holztisch unter dem Hirschgeweih zu sitzen, ihren Gaumen mit haufenweise Bratwürsten, Schweinshaxen, Knödeln und Sauerkraut zu verwöhnen und diese Köstlichkeiten mit zwei Hektolitern Gerstensaft in Ihren bierbäuchig gewölbten Leib zu spülen? Dann sind Sie ohne Frage ein Deutscher, wie er im Buche steht. Zumindest in einem ausländischen.

Wir sind streitsüchtig, intolerant, herrschsüchtig, pedantisch, humorlos, umständlich, unanständig, unmoralisch, sexbesessen, untreu, emotional kalt, obrigkeitshörig. Und wir gönnen anderen nicht das Schwarze unter den Fingernägeln. Sagen andere über uns.
Nein, sagen wir, stimmt nicht. Aber wenn wir im Urlaub in der Türkei in unserem Badezimmer einen Staubfussel finden, dann weisen wir das Personal eben freundlich darauf hin (»Könnt Ihr eigentlich noch nicht mal richtig putzen hier?«). Wenn eine japanische Reisegruppe nachts kichernd an unserem Haus vorbeiläuft, erklären wir ihnen höflich, aber bestimmt, dass um diese Uhrzeit die Stimme etwas zu senken ist (»Ruuuuhäääää!«).

Nein, nein. Wir sind eben diszipliniert, pünktlich und korrekt. Das ist doch nicht verkehrt! Wir haben etwas gegen alberne Späße und Leute, die samstags ihre Kehrwochenpflicht vernachlässigen.
Es ist einfach unfassbar ungerecht, dass Italiener (coole Typen), Franzosen (»savoir vivre«), Amerikaner (die sind sowas von frei!), ja sogar Engländer (je nachdem distinguierte Herren oder wilde Burschen) viel positiver vorverurteilt werden!

Da hilft nur eins: Wir müssen auswandern und als politisch Verfolgte Asyl beantragen! Und dann in Tokio Lederhosen verkaufen! Oder Schweinshaxen und Weißbier in Saudi-Arabien! Doch wahrscheinlich bleibt es nur beim rebellischen Plan. Denn schon Friedrich Hölderlin wusste über uns zu berichten: »Die Deutschen sind tatenarm und gedankenvoll.«