Ein Tag in Berlin

Vor Kurzem hatte ich einen seltsamen Traum. Ich fand mich im deutschen Bundestag wieder, wo ich - verloren zwischen einer Handvoll anderer Abgeordneter - gelangweilt der Rede einer Kollegin lauschte. Wobei: »Lauschte« Wäre zu viel gesagt, denn ich hing eher meinen Gedanken nach...

»Ich hätte es wissen müssen. Jetzt bin ich so lange in diesem Parlament und benehme mich wie ein Anfänger. Warum bin ich heute hier in den Plenarsaal gekommen? War doch klar, dass nichts geboten ist. Ist ja direkt peinlich vor den anderen, die sich jetzt ins Fäustchen lachen und ihren freien Morgen genießen. Und die Tante davorne sollte dringend in einen Rhetorikkurs. Das ist ja zum Gääääähnen. Aber weggehen kann ich auch nicht so einfach - das fällt ja auf, wenn bald gar keiner mehr auf den Abgeordnetenbänken rumhängt.

Dabei hätte ich doch so viele wichtige Besorgungen zu machen. Zum Beispiel die Telefonnummer der neuen Schnecke im Sekretariat des Bundespräsidiums. Weiß der Geier, wo der Lammert die wieder aufgegabelt hat. Wenn ich denke, wie der aussieht - und was für Superfrauen um den rumschwirren. Ich verstehs nicht.

Mann - stattdessen sitze ich hier fest. Und das für die paar Kröten! Aber jedesmal, wenn wir uns ein paar Cent mehr genehmigen, schreien alle: »Abzocker!« So ein Quatsch: Wenn ich mir nicht das Gesäß für mein Land plattdrücken würde, wäre ich ja der Chef von Daimler oder der deutschen Bank. Mindestens! Und was ich da verdienen würde!

Überhaupt: Diese Wähler! Als ich letztes Mal - vor ungefähr einem Jahr, vor der letzten Wahl halt - in meinem Wahlkreis war, da hat mir einer sein Leid geklagt: Die Abwassergebühren seien ungerecht. Die Abwassergebühren! Für was hält der mich? Für einen Gemeinderatsfuzzi? Ich hab ihm gesagt, an dieser verfahrenen Misere sind nur linke Träumer und grüne Sozis schuld - das wirkt immer - und er soll doch nächstes Mal mich wählen. Ich räume dann den Saustall auf. Und der hat das wirklich geglaubt.

Moment, die Tussi ist gerade fertig geworden mit ihrer »Rede«. »Buuuuh!« Jetzt noch schnell Empörung heucheln: »Also, wenn das durchkommt, was die da fordert, dann: Gute Nacht, Deutschland!«. So. Jetzt aber nichts wie raus hier.

Die Frage ist nur: Was mache ich heute Abend? Sekt-Empfang des Landes Hessen oder Weinprobe in der französischen Botschaft? Sicher ist jedenfalls: Morgen lasse ich die Plenarsitzung ausfallen - da wird mir noch der Schädel brummen. Von den Problemen natürlich, die ich heute Abend zu bereden haben werde...«

Als ich von meinem Traum erwachte, fühlte sich mein Kopf an, als wollte er gleich zerspringen. Und der Geschmack auf meiner Zunge verriet mir, dass ich mich wohl für die französische Botschaft entschieden hatte...

(verkürzte Fassung)